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"Wer ist an der Fortdauer des
palästinensisch-israelischen Konflikts schuld? "Ein Interview mit dem
israelischen Friedensaktivisten und Recherchierjournalisten, Shraga Elam.
Datum: 09.August 2006
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Shraga Elam
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Friedensaktivist und Buchautor |
Eine der zentralen Fragen hinsichtlich des Nahost-Konflikts ist, weshalb
dieser längste Konflikt bislang nicht gelöst werden konnte? In einem
Interview mit Shraga Elam versuchten wir, darauf eine Antwort zu suchen.
Rundfunk: Herr Elam, Sie haben vor
kurzem einen Aufruf an die israelischen Soldaten gerichtet. Was war Ihr
Motiv?
Elam: Ich muss hier etwas korrigieren.
Der Aufruf kam eigentlich von mir, und er ist auch nicht ganz neu. Ich habe
eigentlich einige Male darauf hingewiesen. Der Aufruf wendet sich an
Soldaten und Soldatinnen in Israel. Sie sollen Kriegsverbrechen der
israelischen Armee verhindern, und zwar nicht nur durch eine
Dienstverweigerung, da sie als solche nicht viel hilft. Sie sollen mit ihren
Mitteln versuchen, solche Aktionen tatkräftig zu verhindern. Für Soldaten
und Soldatinnen und Offiziere gibt es diesbezüglich mehrere Möglichkeiten;
Es gibt zum einen eine ganz einfache Variante, wovon man vor einigen Jahren
erfahren hat, als ein israelischer Nachrichtenoffizier einen Befehl als
illegal fand, und ihn deshalb nicht weitergeleitet hat. Die Folge war, dass
viele Ziele nicht durch die israelische Armee bombardiert wurden. An diesem
Wochenende habe ich gelesen, dass einige israelische Piloten auch das
Gleiche im Libanon getan haben. Sie haben bestimmte Ziele im Libanon nicht
bombardiert. Es gibt selbstverständlich weitere Möglichkeiten: Die
israelische Armee ist eine moderne Armee, die auf Computersysteme angewiesen
ist. Deshalb besteht für die Computerspezialisten, die an wichtigen Punkten
sitzen, die Möglichkeit, gewisse Aktionen zu verhindern. Diese Möglichkeiten
wurden in dem von Ihnen genannten Aufruf erläutert.
Rundfunk: Wie war die Resonanz darauf?
Elam: Der Aufruf wurde bislang nur im Internet verbreitet. In Israel gibt es
verschiedene Gruppierungen, die nun begonnen haben, über diese Angelegenheit
zu diskutieren. Sie wagen aber nicht, den Aufruf in die Öffentlichkeit zu
tragen. Wie gesagt, haben die Medien den Aufruf nicht publik gemacht. Er
wurde bislang von nur 100 Menschen unterschrieben, was natürlich sehr wenig
ist. Er zeigt aber einen Weg, wie man sofort wirksam werden kann. Denn die
Weltgemeinschaft schaut israelischen Verbrechen tatenlos zu, und hier müssen
Menschen aktiv werden. Ich glaube, solche Aktionen helfen, Verbrechen in
gewisser Weise zu verhindern.
Rundfunk: Herr Elam, wenn ich richtig informiert bin, waren Sie selbst
Soldat in Israel gewesen. Sie haben an drei Kriegen teilgenommen. Wie war
Ihre Erfahrung aus der Zeit Ihres Militärdiensts?
Elam: Gerade aus diesem Hintergrund kommt der Gedanke mit der
Kriegsdienstsverweigerung. Ich bin heute beinah 59 Jahre alt. Ich habe an
dem 6-TageKrieg 1967 teilgenommen. Ich war damals Soldat bei einer Truppe,
die Nablos eroberte. Damals bekamen wir dort als einfache Soldaten den
Befehl, 10 oder 12 palästinensische Zivilisten zu exekutieren. Da kam der
Bataillonskommandant zu uns, und sagte, diese Palästinenser wären Spionen
und sollen deshalb exekutiert werden. Die meisten von uns haben diesen
Befehl nicht ausgeführt. Wir sagten dem Kommandanten, wir sind Soldaten,
aber nicht Mörder. Das war soweit gut. Aber zwei unsere Kameraden haben dann
doch bereit, diese Verbrechen zu begehen, und die Palästinenser zu töten.
Diese Geschichte blieb sehr lange in mir. Ich dachte mir damals, dass
diejenigen, die den Befehl nicht ausgeführt haben, haben eigentlich das
Maximum getan.
Aber heute etwa dreißig Jahre danach denke ich, was wir damals mit unserer
Aktion, also Befehlsverweigerung, erreichten? Nichts, ich meine das
Verbrechen konnte durch unsere Aktion nicht verhindert werden. Deshalb mach
ich mir heute noch Vorwürfe, weshalb wir nicht mehr getan haben, um das
Leben unschuldiger Menschen zu retten? Also eine einfache Dienstverweigerung
reicht nicht aus, um Verbrechen zu verhindern. Also, da muss mehr geschehen.
Man kann die Geschichte nicht noch einmal erleben, oder sie neu erfinden.
Also, ich sehe es als eine Pflicht an, den israelischen Soldaten klar zu
machen, was da im Moment läuft.
Rundfunk: Seit beinah 60 Jahren leben Araber und Israelis im Krieg. Für fast
alle Konflikte auf dieser Erde hat man eine Lösung gefunden, weshalb jedoch
nicht für den arabisch-israelischen Konflikt? Wo liegt das Problem?
Elam: Probleme sind vielfältig. Eins ist für mich als Israels klar. Viele
Regierungen haben sich in diese Zeit um einen Frieden nicht richtig bemüht.
Wenn ich hier die israelischen Regierungen in Betracht ziehe, dann muss ich
sagen, dass die Militärs in Israel immer wieder verhindert haben, dass der
Konflikt gelöst wird. Es gab zum Beispiel 1949 die Möglichkeit, mit Syrien
Frieden zu schließen, und später mit Ägypten. Es ist ebenfalls bekannt, dass
im Jahr 1970 ein Friedensangebot durch den damaligen ägyptischen Präsidenten,
Nasser, unterbreitet wurde. Man kann über die Friedensmöglichkeiten Bücher
schreiben, die ganz bewusst zurückgewiesen wurden. Ich bin davon überzeugt,
dass man diesen Konflikt, also den Konflikt zwischen Arabern und Israels
lösen kann, dass man auch mit Iran, Syrien und anderen Ländern der Region
gute Beziehungen haben kann. Man sieht aber, dass diese Friedensbemühungen-
und Initiativen in Israel auf Widerstand stoßen, dass israelische
Regierungen nicht einen solchen Kurs verfolgen. Ich will aber damit nicht
sagen, dass Israel an allen schuld ist, es trägt jedoch eine große
Verantwortung für die Fortdauer des Konflikts.
Das Interview führte Seyed Hedayatollah Shahrokny
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