Interview mit Udo Steinbach


Europa hat keine große Glaubwürdigkeit in die amerikanischen Argumente
12. Juli 2003


Professor Udo Steinbach, der Leiter des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg.

Rundfunk: Herr Professor Steinbach, Afghanistan und Irak sind noch nicht zur Ruhe gekommen, schon nehmen die USA Iran ins Visier. Wie sind die bekannten amerikanischen Propaganda-Lügen zu bewerten?

Steinbach: Ich glaube, ich habe bei einem unserer früheren Gespräche darauf hingewiesen, dass es bereits vor vielen Monaten Signale aus Washington gab, dass ein Regimewechsel in Bagdad nur ein Vorspiel wäre für einen Regimewechsel in Teheran. Das wird sicherlich nicht heute oder morgen stattfinden. Ich glaube, die Amerikaner kommen jetzt darauf zurück, und halten sich zunächst einmal bei der Frage auf, ob Iran auf dem weg ist, Massenvernichtungswaffen, insbesondere nuklearer Natur, zu entwickeln. Ich wundere mich eigentlich, warum man heute nicht mehr darauf zurückkommt, dass Bush gesagt hat, er habe seine Hoffnung aufgegeben, dass der iranische Präsident, Chatami, eine Öffnung des Landes zustande bringen kann.
Wir werden all das, was aus Washington diesbezüglich kommt, ernst nehmen müssen.

Rundfunk: Sind die durch die USA erhobenen Vorwürfe gegen Iran haltbar?

Steinbach: Vielleicht sollten wir die Antwort darauf zweiteilen: das eine bezieht sich auf die amerikanischen Vorwürfe. Ich glaube, nach alldem, was im Irak passiert ist, haben die Europäer keine große Glaubwürdigkeit in die amerikanischen Argumente.
Das andere ist aber, dass auch die Europäische Union vor wenigen Tagen deutlich gemacht hat, dass sie an dem Punkt, nämlich an der Frage nach der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen seitens der Islamischen Republik Iran mit den Amerikanern gemeinsame Besorgnisse haben.

Rundfunk: Es gab mal die Idee, den nahen und mittleren Osten eine massenvernichtungswaffenfreie Region zu machen. Warum klammert man hier Israel aus?

Steinbach: Das ist eine gute und berechtigte Frage, eine Frage die uns alle in Europa bewegt, aber natürlich die Menschen im mittleren und Nahen Osten noch mehr bewegt. Wir haben ähnliche Frage vor wenigen Monaten an Israel gestellt.
Israel hat im Jahr 2002 vier UN-Resolutionen ignoriert, ohne irgendwelche Folgen. Die Folgen im Fall Irak erleben wir soeben.
Hier geht es um ein Anliegen der Amerikaner, der internationalen Gemeinschaft zu verhindern, dass über die Staaten der Region, die ohnehin jetzt schon über Massenvernichtungswaffen verfügen, das sind Israel, Indien und Pakistan, hinaus andere Staaten der Region solche Waffen besitzen.

Rundfunk: Herr Professor Steinbach, gestatten Sie mir eine letzte Frage. Wir haben in der Irak-Frage erlebt, dass die USA ohne Zustimmung der Staatengemeinschaft, ohne jegliche rechtliche Grundlage Irak mit einem Krieg überzogen haben. Wohin würde die Fortsetzung einer solchen Politik führen?

Steinbach: Eine solche Politik, wenn sie weiter fortgesetzt wird, führt ins Chaos. Wir sehen, was mit dem Irak geschehen ist, wie man die internationale Gemeinschaft getäuscht hat. Auch das letzte Argument, dass man im Irak eine Demokratie schaffen wolle, eine Demokratie über den Irak hinaus in den gesamten mittleren und Nahen Osten, hat das alles ins Chaos geführt. Lassen Sie mich vielleicht auf den besonderen Fall "Iran" zurückkommen. Was kann geschehen? Das ist natürlich eine Frage nach der amerikanischen Strategie. Und ich sage noch einmal, die Amerikaner sind wahrscheinlich entschlossen, die Frage der Massenvernichtungswaffen zu benutzen, um einen Regimewechsel in Teheran herbeizuführen, allerdings mit anderen Mitteln als im Irak, nicht mit einer gewaltigen Militärmaschinerie, sondern indem sie sich sozusagen an die Straße halten, indem sie versuchen, Studenten in der Islamischen Republik Iran zu mobilisieren. Die Frage ist jetzt, wird das von der internationalen Gemeinschaft mitgetragen? Und ich sage hier "nein". Die Europäer sind hierbei darauf aus, mit Teheran ins Gespräch zu kommen. Man weiß, wie groß das Interesse in Teheran ist, mit den Europäern in irgendeiner Form zu wirtschaftlichen Abmachungen zu kommen.
Wenn die Amerikaner so weiter machen, kann es sehr bald zu Friktionen, zu Spaltungen im internationalen Lager kommen, die M.E. sehr viel tief gehen werden, als es im Fall Irak der Fall gewesen ist.
Wenn Amerikaner im Fall der Islamischen Republik Iran weiter machen wie bisher, mit einer Aggressivität, die sich möglicherweise steigern sollte, dann wird die Kluft zwischen den Amerikanern auf einer Seite und Europäern auf der anderen Seite, die jetzt so mühselig zugeschüttet werden soll, sofort wieder aufgerissen.

Das Interview führte Seyed-Hedayatollah Shahrokny.

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