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Interview mit Ruth Jüttner
Wir haben schon im Juli 2003 die Besatzungsmächte über die
Menschenrechtsverletzungen in den irakischen Gefängnissen informiert: Ein
Interview mit Ruth Jüttner, von der ai-Deutschland.
18. Mai 2004
Ruth Jüttner
Rundfunk: Frau Jüttner, die ai war eine der
ersten Menschenrechtsorganisationen, die auf die Folter und andere
Menschenrechtsverletzungen im irakischen Gefängnis „Abu Ghoreib“ aufmerksam
gemacht hat. Wie haben Sie diese Erkenntnisse gewonnen?
Jüttner: ai ist während der Herrschaft der
Baathpartei, unter der Herrschaft von Saddam Hussein, über 25 Jahre nicht in
den Irak rein gelassen worden. Aber nach dem Krieg haben wir dann die
Möglichkeit gehabt, das Land zu besuchen. Wir haben seit April 2003 immer
wieder Mitarbeiter unserer Organisation in den Irak geschickt, um Interviews
zu machen, um mit Zeugen zu sprechen, um mit Opfern von
Menschenrechtsverletzungen zu sprechen, und so haben wir unsere Erkenntnisse
gesammelt.
Rundfunk: Wann wurden Sie zum ersten Mal über
die Folterungen in den irakischen Haftanstalten informiert?
Jüttner: ai hat schon im Sommer 2003 erste
Hinweise und Berichte erhalten, dass irakische Gefangene in den
Haftanstalten, die von den Besatzungsmächten betrieben werden, Opfer von
Misshandlungen und Folter geworden sind. Diese Erkenntnisse, die wir
gesammelt haben, das waren vor allen Dingen Fälle von Gefangenen, die unter
Schlafentzug gelitten haben. Es wurde außerdem berichtet, dass Gefangene
geschlagen worden sind, in schmerzhaften Positionen aufzuharren, über eine
lange Zeit bis ihre Gliedsmassen angeschwollen sind. Es wurde auch
berichtet, dass zum Beispiel im Zusammenhang mit Schlafentzug die Leute mit
lauter Musik bescheid worden sind. Also, das waren die Methoden der
Misshandlung und Folter, die ai schon im Sommer des vergangenen Jahres
recherchiert hat und die wir auch in einem Memorandum im Juli 2003 den
Besatzungsmächten zur Kenntnis gebracht haben. Daraufhin haben wir
gefordert, dass Maßnahmen ergriffen werden, um effektiv dafür zu sorgen,
dass sich so etwas nicht wiederholt.
Rundfunk: Wer sind die Hauptverantwortlichen?
Und was muss Ihrer Ansicht nach anders gemacht werden?
Jüttner: ai fordert in erster Linie, dass
unabhängige Organisationen sowohl von der UNO als auch das Internationale
Komitee des Roten Kreuzes, aber auch Organisationen wie ai Zugang zu allen
Haftanstalten innerhalb des Iraks bekommen, aber auch zu den Haftanstalten,
die von den USA betrieben werden, wie Guantanamo Gay, wie die Militärbasen
und Gefängnisse in Afghanistan, die unter US-Führung betrieben werden. Das
ist ganz wichtig, weil nur, wenn unabhängige Organisationen Zugang haben,
und immer wieder kontrollieren, wie die Haftbedingungen sind, kann
sichergestellt werden, dass es zu solchen Übergriffen und Misshandlungen in
der Zukunft nicht mehr kommt.
Das 2. ist, dass es unabhängige Untersuchungen geben muss. Es ist wirklich
wichtig, dass sie unabhängige Gremien sind, die alle zugänglichen Beweise
sichern, und dann auch die Ergebnisse ihrer Untersuchungen öffentlich
machen, und Rechenschaft ablegen darüber, wieweit die Verantwortlichkeiten
gehen. Und dann eben diejenigen, die Schuld haben, vor Gericht gestellt
werden.
Rundfunk: Haben Sie genaue Informationen
darüber, wer die Folterbefehle erteilt hat?
Jüttner: Wir von Amnesty International haben
keine eigenen Erkenntnisse darüber, wieweit verschiedene Organisationen
innerhalb der Militärhierarchie darüber bescheid gewusst haben, was im Abu
Ghoreib-Gefängnis passiert ist. Es gibt aber interne Untersuchungen, die
Ende des letzten Jahres vom Generalmajor Antonio Tabuba durchgeführt worden
sind. Er hat seinen Bericht in Februar vorgelegt. Diesem Bericht zufolge
hatte es Misshandlungen gegeben. Das waren mehrere Soldaten darin
verwickelt. Es gab Berichte, dass insbesondere Militärgeheimdienste der
US-Regierung in den irakischen Gefängnissen verschiedene Foltermethoden
angewendet haben und dem wachpersonal, den Soldaten gegenüber angedeutet
haben, dass sie solche Behandlung wünschen. Deshalb gibt es Vermutungen,
dass diese Übergriffe von höherer Stelle erteilt worden sind.
Das sind aus der Perspektive von ai, und auch nach dem internationalen Recht
ein Verstoß gegen die Antifolterkonvention, die solche Maßnahmen ganz
eindeutig als erniedrigende Behandlung bezeichnet und sie als einen Verstoß
gegen die Antifolterkonvention definiert.
Rundfunk: Was hat ihre Organisation für die
Zukunft vor, damit möglichst derartige Übergriffe nicht mehr vorkommen?
Jüttner: Amnesty international macht ihre
Arbeit wie bisher weiter. Wir haben in der Vergangenheit versucht, das
Verhalten der Besatzungsmächte zu beobachten und darauf aufmerksam zu
machen, wenn wir feststellten, dass die Genfer Konvention, also das
internationale humanitäre Recht, nicht eingehalten wurde. Wir werden
weiterhin die Verantwortlichen sowohl in der US-Regierung als auch in der
britischen Regierung u8nd auch andere Teilnehmer dieser Besatzungsmacht
immer wieder darauf hinweisen, dass sie verpflichtet sind, die Regeln des
humanitären Völkerrechts einzuhalten und in gleicher Weise gehen wir
natürlich auch an andere Regierungen, also hier in Deutschland zum Beispiel
an die Bundesregierung, heran, und bitten sie, auf die USA und andere
Einfluss zu nehmen, um dafür zu sorgen, dass das internationale Recht und
vor allen dingen, Menschenrechte eingehalten werden.
Das Interview führte Seyed-Hedayatollah Shahrokny.
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