|
|
Interview mit Professor Udo Steinbach
Ich habe immer gezweifelt, dass die USA
die Macht wirklich abgeben: Ein Interview mit Professor Udo Steinbach, dem
Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg.
29. April 2004
Udo Steinbach
Rundfunk: Es
gibt Berichte über eine Vereinbarung zwischen Sunniten und Schiiten,
gemeinsam gewaltsamen Widerstand gegen Truppen der Irak-Koalition zu
leisten. Was heißt das für die USA und ihre Verbündeten?
Steinbach: das heißt, dass zunächst einmal der
30. Juni, der Tag der Machtübergabe an die Iraker, wenn er denn kommt, nicht
unbedingt einen Einschnitt in der Geschichte des Irak sein wird, sondern,
dass die Parteien, die jetzt schon Widerstand geleistet haben, weiter
kämpfen werden. Denn, die Amerikaner werden mit ihren Verbündeten weiterhin
auf irakischem Territorium bleiben werden. Möglicherweise wird es zu einem
Beschluss der Nato kommen, ihrerseits Truppen hinzuschicken. Ich hoffe, es
kommt nicht dazu, aber auszuschließen ist es nicht. Also, ich denke einmal,
diese Vereinbarung, vor der Sie sprechen, bedeutet, was immer konkret darin
stehen, mag, dass der Widerstand zunächst weiter geht.
Rundfunk: Ganze Zeit hat es geheißen, dass die
USA am 30. Juni die Macht an eine irakische Regierung übergeben werden.
Colin Powell hat dies nun relativiert. Was bedeutet dieser neue
amerikanische Standpunkt für die Entwicklungen im irak?
Steinbach: Ich finde, es gibt nichts
Überraschendes drin. Ich habe immer gezweifelt, dass die Amerikaner in
umfassender Weise die Regierung an die Iraker abgeben. Das, was nun
US-Außenminister, Powell, eingeräumt hat, bestätigt diesen Verdacht. Und es
zeigt ganz eindeutig, dass Amerikaner eine Art Scheinrückzug wollen. Sie
wollen nicht politisch so sichtbar sein. Aber zugleich wollen sie eine
effizientere Präsenz im Irak weiterhin haben. Wer immer am Ende die
Regierung stellten wird, das ist noch völlig unklar. Eine Autorität über die
innere Sicherheit, über die Truppen, wird er mit Sicherheit nicht haben.
Damit glaube ich, hier wird deutlich, dass Amerika die Macht nicht wirklich
abgeben will.
Rundfunk: Nehmen wir einmal an, dass die Macht
an eine irakische Regierung abgegeben wird. Glauben Sie, dass diese
Regierung dann genug Autorität dafür hat, der Krise im Irak Herr zu werden?
Steinbach: Ich glaube nicht, dass es eine
Regierung im Irak gibt. Diejenigen, die jetzt oder in der Zukunft im
Regierungsrat sind, sind natürlich mit der Marke belastet, doch irgendwo
Lakaien der Amerikaner zu sein. Ich denke einmal, Gespräche, Verhandlungen,
worüber auch immer, sind ziemlich nutzlos. Es gibt eine Reihe von Kontakten,
die die Amerikaner jetzt schon haben: Das sind Kontakte zu den Führern der
schiitischen Gemeinden, zu den sunnitischen Stämmen im Zentralirak. Und ich
glaube, dass es Kontakte zu der iranischen Regierung gibt, ihrerseits auf
Muktada Sadr einzuwirken.
Rundfunk: Können die Europäer eine Rolle
spielen?
Steinbach: Wir können nichts tun. Sie hören von
diesen Europäern. Wir hören nur von einer europäischen Macht, das ist
Spanien. Die Spanier sind aber mehr oder minder schon raus. Aber ansonsten
ist Europa ziemlich hilflos. Das ist jedoch keine Politik. Man versucht
lediglich, den Ball wieder im Hof der Vereinten Nationen zu spielen. Aber
sie sind nicht besonders beliebt bei den Amerikanern. Damit stehen wir vor
der Wirklichkeit, eine Wirklichkeit, die so aussieht, dass Europa am Rande
des Spielfeldes steht.
Rundfunk: Wenn weder Europäer noch die
Vereinten Nationen hilflos sind, wer kann denn sonst da einschreiten?
Steinbach: Einschreiten kann niemand. Das habe
schon deutlich gemacht. Man kann versuchen, eine Reihe von Kontakten zu
vertiefen, oder sie zumindest aufrecht zu erhalten, oder neue über iranische
Seite zu knüpfen. Dennoch kann ich nirgends einen Königweg sehen, der in
zwei Richtungen führt: Einmal in Richtung auf eine umfassende Souveränität
des Iraks, und zum anderen in Richtung auf unmittelbar bevorstehende
Beendigung der Gewalt.
Rundfunk: Sehen Sie dann eine effektive
Strategie für den Rückzug?
Steinbach: Nein, ich sehe keine effektive
Strategie, ich sehe auch keinen Willen. Was Amerika jetzt anstrebt, ist, den
Wahlkampf von Präsident Bush möglich nicht zu belasten, oder möglichst wenig
zu belasten. Das ist das oberste amerikanische Ziel, sie wollen weder
wirklich in umfassender Weise die Regierung an die Iraker übergeben, noch
wollen sie sich umfassend militärisch zurückzuziehen, so dass meine
Vermutung dahin geht, dass die Spannungen im Lande bis auf weiteres
anhalten, und mit großer Wahrscheinlichkeit eskalieren .
Denn, der gegenwärtige Zustand der, die Amerikaner derweil eine Reihe von
Plätzen in Irak belagern.
Da kann man nicht unabsehbar weitermachen, das schafft Radikalisierung unter
den Irakern. Und das bedeutet auch wieder einen Gegendruck der Amerikaner.
Früher oder später werden sich die Amerikaner entscheiden müssen, was sie
militärisch tun. Da werden sie dann irgendwann in die Städte eingreifen mit
Konsequenz, die jetzt schon gar nicht absehbar sind, so dass meine Vermutung
dahin geht, dass die Gewalttätigkeiten im Irak weitergehen werden.
Das Interview führte Seyyed Hedayatollah Shahrokny.
|
|
|