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Interview mit Manfred Mauerer
Datum: 23. Juni 2003
Reformen nach außen und innen prägten den EU-Gipfel
von Thessaloniki.
Die EU handlungsfähig machen. Das war die zentrale Aufgabe für die Staats-
und Regierungschef, die sich letztlich südlich von Thessaloniki an der
griechischen Ägäis trafen. In einem Interview mit Manfred Mauerer, einem
österreichischen EU-Experten, versuchten wir herauszufinden, wie weit die
EU-Staatsoberhäupter mit ihrer erklärten Aufgabe gekommen sind.
Rundfunk: Herr Mauerer, die EU- Staats- und
Regierungschefs haben sich in der griechischen Stadt, Thessaloniki,
getroffen. Es hieß, die EU soll handlungsfähig werden. Was heißt das genau?
Mauerer: Die EU-staats- und Regierungschefs
haben sich zunächst weitgehend darauf geeinigt, dass die europäische Union
eine eigene Verfassung bekommen soll. Die EU-Verfassung, die von einem
Konvent vorbereitet wurde, wurde in einem Entwurf vorgelegt, und dieser
Entwurf hat bei den EU-Staats- und Regierungschefs überwiegend große
Zustimmung gefunden. Die wesentlichen Punkte dieser Verfassung wurden
akzeptiert, wobei es einige Staaten gibt, die noch Bedenken haben. Kleine
EU-Staaten, die sich anstoßen, weil es künftig einen für zweiundeinhalb
Jahre gewählten Ratspräsidenten geben soll, und in der Kommission nicht alle
Kommissare stimmberechtigt sein sollen. Das hat Bedenken der kleineren
Staaten, wie Österreich, hervorgerufen. Es wird deshalb noch einiges zu
diskutieren sein, aber im wesentlichen soll diese Verfassung so in kraft
treten, wie sie jetzt auf dem Tisch liegt. Dadurch soll die EU
handlungsfähig werden, weil in viel mehr Bereichen als bisher das
Mehrheitsprinzip eingeführt wird, und damit in wesentlichen Bereichen das
für sehr schnelle Entscheidungen hinderliche Einstimmungkeitsprinzip
gestrichen wird.
Rundfunk: Rechnen Sie damit, dass in den
nächsten Monaten substanzielle Veränderungen eintreten werden?
Mauerer: das wäre übertrieben. Aber ich rechne
damit, dass im Mai 2004, wenn die 10 EU-Beitrittskandidaten der EU endgültig
beitreten, dies der fall sein wird. Bis dann soll die neue EU-Verfassung in
kraft treten. Für 2007 soll dann die größte substanzielle Veränderung
eintreten. Eine weitere wesentliche Veränderung wird dann eintreten, wenn
die EU einen in der neuen Verfassung vorgesehenen Außenminister hat, der die
Union nach außen repräsentieren soll.
Rundfunk: Am Entwurf wird Kritik ausgeübt; es
hieß, der Entwurf stelle eine Entmündigung der Mitgliedsstaaten dar. Können
Sie dieser Ansicht zustimmen?
Mauerer: Ich kann dieser Ansicht nur eingeschränkt zustimmen. Als Bürger
eines kleinen EU-Mitgliedslandes habe ich auch Bedenken, wenn ich sehen
müsste, dass der Entwurf weitgehend aus einer deutsch-französischen
Initiative entstanden ist, das heißt, dass sich zwei große EU-Staaten
weitgehend durchgesetzt haben, zum Beispiel die Position bisher routierender
Ratspräsidentschaft abzuschaffen. Bisher ist es so, dass alle 6 Monate ein
anderes Land die Ratspräsidentschaft innehat.
Rundfunk: Der Gipfel sollte auch eine
gemeinsame Außen- und Sicherheitsstrategie entwickeln. Vor kurzem sagte der
Beauftragte der EU-Regierungen für Außen- und Sicherheitspolitik, Javier
Solana, dass eine Gemeinschaft mit 450 Millionen Menschen, die ein Viertel
der Weltwirtschaft auf sich vereinigt, nicht die Augen vor dem verschließen
kann, was in der Welt passiert. Wie soll diese Politik in Details
ausschauen?
Mauerer: Eine wesentliche Aussage auf dem
jüngsten EU-Gipfel war auch, dass die EU-Sicherheitsstrategie nicht als eine
Abgrenzung gegen die Vereinigten Staaten verstanden werden soll. Ich glaube,
wir sind alle im klaren , wie eine gemeinsame EU-Außen- und
Sicherheitspolitik aussehen soll. Wir haben zwar die Position eines
EU-Außenministers ins Auge gefasst, dabei wird am häufigsten der Name des
deutschen Außenministers, Joschka Fischer, genannt. Die frage ist, ob damit
eine gemeinsame EU-Außenpolitik erreicht werden kann. Denn, wenn man sich
vorstellt, wie Europa in der Irak-Frage agiert hat, fällt es schwer, sich
vorzustellen, dass alles anders gewesen wäre, wenn wir einen
EU-Außenminister gehabt hätten. Denn, dieser Außenminister stößt mehr oder
weniger an die nationalen Interessen der einzelnen Mitgliedsstaaten . Das
heißt, ob durch die Schaffung eines europäischen Außenministers Differenzen
der einzelnen Staaten im Bereich der Außenpolitik geräumt werden, wird die
Geschichte einmal beweisen.
Rundfunk: Eine bessere Sicherheitspolitik setzt
die Erhöhung des Verteidigungsausgaben der einzelnen EU-Staaten voraus, was
letztlich auf Kosten des Sozialbereichs geht.
Mauerer: Es wurde bereits darüber diskutiert,
dass die Verteidigungsausgaben nicht unbedingt erhöht werden müssen, weil
sich in Deutschland zeigt, dass durch die internationalen Einsätze die
Kapazitäten der Bundeswehr an ihre Grenzen geraten sind. Ich kann für
Österreich sagen, dass es ein Land mit den niedrigsten Verteidigungsausgaben
in ganz Europa ist. Der Anteil der Verteidigungsausgaben am
Bruttosozialprodukt beträgt 0,8%. Wenn man das mit anderen EU-Staaten
vergleicht, dann würde es bedeuten, dass europäische Staaten mit
unterschiedlichem Anteil der Verteidigungsausgaben an Probleme stoßen.
Daraus resultiert dann die Diskussion, dass Europa letztlich die
Verteidigungsausgaben erhöhen müsste. Real politisch halte ich solche
Maßnahmen für ausgeschlossen. In der momentanen Situation, in der Europa
wirtschaftliche Probleme hat, wird es keine Erhöhung der
Verteidigungsausgaben geben. Das ist ausgeschlossen, weil – wie sie erwähnt
haben – der ganze Kontinent soziale Probleme hat. Wir haben in einigen
Ländern, insbesondere in Deutschland, eine sehr hohe Arbeitslosenrate, noch
immer steigende Arbeitslosenzahl und sinkendes Wirtschaftswachstum. Deshalb
wird kein Politiker wagen, vor das Volk hinzutreten, um zu sagen, wir
müssten nun für Verteidigungsausgaben sparen und gleichzeitig den Leuten
sagen, bei der Sozialausgabe müssten wir kürzen. Das wird kein Politiker
tun, weil er es nicht durchsetzen wird. Daher halte ich die Diskussion für
durchaus berechtigt, aber sie hat keine reelle Grundlage.
Das Interview führte Seyed-Hedayatollah Shahrokny.
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