Interview mit Frau Dr. Irmgard Pinn

Der Hauptgrund für die anhaltende Diskussion um das Kopftuch

07. Februar 2004
 

Hauptgrund für die anhaltende Diskussion um das Kopftuch ist darin zu sehen, dass hier lebende Muslime nicht mehr auf ihrem ursprünglichen Status bleiben, als Putzfrau oder einfache Arbeiter, sondern, dass sie mehr und mehr in qualifizierte Position beruflicher Art aufsteigen , aber auch mehr Engagement in der Gesellschaft und in der Politik zeigen wollen. Und das Kopftuch als so zu sagen Symbol genommen wird, um den Einfluss der Muslime zu bremsen.

 

Rundfunk: Frau Dr. Pinn, die Diskussion um das Kopftuch reißt nicht ab. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Pinn: Es gibt sicherlich verschiedene Grüne. Aber einer der Hauptgründe ist meine Meinung nach darin zu suchen, dass hier lebende Muslime, das sind über drei Millionen, nicht mehr auf ihren ursprünglichen Status bleiben wollen, also Putzfrau, oder einfache Arbeiter, sondern, dass sie mehr und mehr in qualifizierte Position beruflicher Art aufsteigen , aber auch mehr Engagement in der Gesellschaft und in der Politik zeigen wollen.

Und das Kopftuch so zu sagen zum Symbol genommen wird, den Einfluss der Muslime in der Gesellschaft zu bremsen oder zu verhindern. Es handelt sich, ich würde sagen, um einen Kulturkampf oder einen sozialen Verteilungskampf.
Solange Musliminnen als Putzfrau oder ähnliches tätig waren, gab es kaum Probleme. Aber, es gibt eben große Probleme, wenn muslimische Frauen Lehrerin, oder Kindergärtnerin werden wollen und damit Einfluss auf die deutschen gewinnen.

Rundfunk: Manche sagen, dass der Islam zumeist von der Kopftuch-Frage her diskutiert wird, was auf Unvereinbarkeit des westlichen Wertesystems geschlossen wird.

Pinn: Ich denke, es geht umgekehrt. Erst ist die Idee der Unvereinbarkeit der Kulturen. Ich denke, man sucht einen Grund, ein Symbol, woran man es dann festmachen kann. Realistische gesehen, kann man das nicht so einfach in Verbindung bringen. Denn , wenn man Frauen befragt, tragen sie aus unterschiedlichen Motiven Kopftuch. Manche würden, wie hier im Westen gesagt wird, aus Zwang das Kopftuch tragen, aber es gibt natürlich auch viele, die es freiwillig tragen. Für manche ist das ein Problem, für viele ist das kein Problem. Manche verbinden damit eine politische Aussage, aber für die große Mehrheit ist das Kopftuch einfach der Ausdruck ihrer Religionszugehörigkeit.

Es bietet sich so zu sagen an, irgendetwas Sichtbares zu nehmen, um diesen Kulturkampf auszutragen. Aber wir können ungefähr genau so gut die Sockenfarbe oder die Schuhgröße nehmen, um daran einen Kulturkampf festzumachen. Das ist ein vorgeschobener Grund.

Rundfunk: Es gibt in Deutschland, unter zwar unter den Politikern, keine einheitliche Position, was das Kopftuch betrifft. Bundespräsident, Johannes Rau, ist zum Beispiel für die Religionsfreiheit, während Bundestagspräsident, Wolfgang Thierse oder Bundeskanzler, Gerhard Schröder, für das Verbot von Kopftuch eintreten. Die alle gehören der SPD an. Wie erklärt sich es?

Pinn: Das wüsste ich auch gerne. Ich denke einfach, auch die Politiker, die von einer Partei sind. Es zeigt, dass sie ganz unterschiedliche Beziehungen zur Religion im Allgemeinen haben, auch zum Christentum.

Ich denke, die Ablehnung von Muslimen durch Bundeskanzler, ist einfach darauf basiert, dass er sich sehr einfache Vorstellungen von emanzipierten Frauen zu Eigen macht. Er glaubt, dass er tatsächlich etwas Gutes für die Emanzipation der muslimischen Frauen tut, wenn es das Kopftuch verhindert. Bei unserem Bundespräsidenten, denke ich, er hat tiefe Verwurzelung in den interkulturellen, interreligiösen Begegnungen. Er nimmt die Religion, auch die eigene, sehr ernst, und tritt gleichzeitig für die Gleichheit der Rechte der Religionen ein. Deshalb ist es für ihn nicht erträglich, eine Religion, die sich in der Minderheit befindet, aus der Mehrheitsposition zu unterdrücken. Er will das Recht auf bestimmte Symbole absprechen oder darüber urteilen, wie diese Symbole politisch interpretiert werden sollen.

Am meisten bin ich eigentlich über die Position des Bundespräsidenten, Wolfgang Thierse, überrascht. Denn, er hat sich immer im interreligiösen Dialog engagiert. Er selber ist ein überzeugter Katholik, nach außen hin. Er war unter anderem in Iran gewesen, und hat eine sehr bemerkenswerte Rede über den Dialog der Kulturen im „Zentrum des Dialog der Kulturen“ in Teheran gehalten, und jetzt argumentiert auf dem Niveau vom Stammtisch, indem er die in Deutschland lebenden Muslime für Gäste erklärt, ungeachtet dessen, dass sehr viele nicht nur deutsche Staatsbürgerschaft haben, sondern eben auch hier geboren sind, und einfach Deutsche sind. Warum sollen sie sich hier in Deutschland wie Gäste verhalten? Warum sollte der Islam auf dem Status einer Gastarbeiterreligion festgeschrieben werden? Das spricht meines Erachtens gerade nicht für demokratische und auf Gleichberechtigung abgezielte politische Gesinnung.

Rundfunk: Was ist nun zu tun? Was sollen sich die Muslime verhalten?

Pinn: Das ganze Dilemma ist natürlich damit begründet, dass die Muslimen keine starke Organisation haben. Es gibt vor allem keine Frauenorganisation, die diese Sache in die Hand nehmen könnte. Hinzu kommt, dass hier die Muslime keine politische Lobby haben.

Die Leute, die sich nun politisch für die Gleichberechtigung der Muslime einsetzen, werden beschimpft und diskriminiert und diffamiert. Deshalb haben viele andere Angst bekommen, sich dieser Bewegung anzuschließen. Ich glaube, es ist ein dringender Aufruf an die hier lebenden Muslime, sich über kleine Differenzen politischer, gesellschaftlicher oder religiöser Art hinwegzusetzen, und solche Fragen zum einen zur einheitlichen Position zu machen, um in die Gesellschaft hineinzuwirken. Und zum anderen eben auch sich ernsthaft damit auseinandersetze, wie überhaupt der Islam in der hiesigen Gesellschaft die Position erlangen kann, dass man nicht ständig von einem Dilemma in ein anderes gerät. Und das ist die große Aufgabe der Muslime für die Zukunft.


Das Interview führte Seyyed Hedayatollah Shahrokny.

 

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