| |
Interview mit Professor Udo Steinbach
Bankrotterklärung der israelischen Regierung
17. September 2003

Professor Udo Steinbach, der Leiter des Deutschen Orient-Instituts in
Hamburg
Wie schon erwartet, haben
die USA die geplante UNO-Resolution gegen die Ausweisung von
Palästinenserpräsident, Jassir Arafat, am Dienstag durch ihr Veto blockiert.
Rundfunk: Herr Steinbach, der Beschluss des
israelischen Sicherheitskabinetts vom vergangenen Donnerstag löste weltweit
Proteste aus. Werden diese Proteste die israelische Regierung beeindrucken?
Steinbach: Mir scheint, dass es eine
Bankrotterklärung der israelischen Regierung ist. Es zeigt, dass die
israelische Regierung mit ihrer Haltung in Sachen Palästina den Widerstand
der Palästinenser nicht brechen kann. Man hat keinerlei politisches Konzept.
Das militärische Konzept ist nicht aufgegangenen. Da kommt man, sozusagen,
als letzte Maßnahme dahin, Arafat auszuweisen, in der Vermutung, dass er
letztens immer hinter Terrorakten steht. Das ist meines Erachtens, ein
Schritt des Endes der Politik. Das ist ein Schritt, der politisch unklug
ist, der gegen das Völkerrecht ist, ein Schritt, der auch moralisch nicht zu
rechtfertigen ist. Dann heißt es, dass man Arafat lieber töten sollte. Das
ist ein Schritt, der vermutlich die Gewalt in Palästina steigern wird. Vor
diesem sehr komplexen Hintergrund protestiert die internationale
Gemeinschaft zu Recht.
Rundfunk: Arafat wird für das verantwortlich
gemacht, wofür er gar nicht kann. Wie kann jemand wie Arafat, der unter
Hausarrest steht, Widerstand organisieren?
Steinbach: Das ist eine gute Frage, die die
Antwort in sich trägt. Denn, natürlich kann Arafat die Dinge nicht
koordinieren. Arafat widerspricht häufig Terrorakten. Das ist das Gegenteil
dessen, was ihm die Israelis unterstellen. Vor diesem Hintergrund wird die
israelische Maßnahme, Arafat erst für irrelevant zu erklären, ihn später
dann auszuweisen oder ihn gar umzubringen, noch irrationaler.
Rundfunk: Ist es nicht ungewöhnlich, zum Mord
gegen einen gewählten Präsidenten auszurufen?
Steinbach: Das ist nicht nur ungewöhnlich,
sondern das ist auch rechtwidrig, das widerspricht dem amerikanischen
Prinzip, das zumindest in der Vergangenheit gegolten hat, Staatsoberhäupter
oder politische Personen nicht mit dem Tod zu bedrohen, jedenfalls ihre
Tötung nicht aktiv zu betreiben.
Rundfunk: Die USA hatten damit gedroht, von
ihrem Vetorecht Gebrauch zu machen, falls die Staatengemeinschaft den
jüngsten israelischen Beschluss verurteilt, was sie nun getan haben.
Bedeutet nicht, dass die USA auch hier die israelische Position
unterstützen?
Steinbach: Das zeigt, dass die amerikanische
Seite keine Politik mehr hat. Auf der anderen Seite spricht man noch von der
Fortsetzung des Friedensprozesses, beziehungsweise des
Verhandlungsprozesses. Man erkennt, dass Israel eine Mitschuld am Stillstand
und am Scheitern des Verhandlungsprozesses hat. Aber man ist nicht bereit,
auch ein Minimale Konsequenzen aus dieser Kenntnis zu ziehen, das würde in
diesem Falle bedeuten, eine UNO-Resolution unterstützen, die die israelische
Politik gegenüber Arafat verurteilt mit dem Ergebnis, dass natürlich
Glaubwürdigkeit amerikanischer Politik in der gesamten Region auch die
Glaubwürdigkeit amerikanischer Politik in Sachen Irak abnehmen wird.
Rundfunk: Herr Professor Steinbach, sehen Sie
in dieser heiklen Situation eine Perspektive?
Steinbach: Ich sehe keine konstruktive
Perspektive. Mir scheint – und ich glaube, man darf darauf einigermaßen
sicher sein, dass die Gewalttätigkeit anhalten wird, dass die israelische
Politik weiterhin einen erheblichen Druck auf die Palästinenser ausüben
wird. Der Widerstand aus Washington wird nicht kommen, die europäische
Politik ist nicht koordiniert. Sie hat ohnehin keine wirkliche
Einwirkungsmöglichkeit. Im Irak brechen die Dinge immer mehr auseinander mit
dem Ergebnis, dass die Gewalttätigkeit nicht nur im Irak, sondern hinüber
nach Afghanistan und im ganzen mittleren Osten zunimmt. Ich denke, dass die
Perspektiven für die Politik in der Region, ob Palästina, ob Irak, für die
nächsten 12 Monate, oder zumindest bis zur amerikanischen
Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr, sehr sehr trüb und düster sind.
Das Interview führte Seyed-Hedayatollah Shahrokny.
|
|
|