Rundfunk: Der US-Verteidigungsminister Donald
Rumsfeld erklärte kürzlich ein Waffengang mit Irak ließe sich schnell und
ohne große Probleme erledigen. In wie weit können Sie dem zustimmen?
Scholl-Latour: Die Amerikaner haben natürlich
eine absolute Überlegenheit und in der Ebene haben die Iraker keine Chance
der Verteidigung, aber es kann durchaus zu Häuserkämpfen kommen, in den
großen Städten - das wissen ja auch die amerikanischen Militärs - sowohl in Basreh mit 2 Millionen Einwohnern, oder in Bagdad mit 6 Millionen
Einwohnern. Das kann man nicht voraus sehen, und in so fern ist das
vielleicht etwas leichtfertig von einem schnellen Krieg zu reden. Es kann
aber auch passieren, wie in Afghanistan, wo man da eine Art Blitzsieg
errungen hat, und die Schwierigkeit beginnt jetzt, also der wirkliche
Partisanenkrieg beginnt dann hinterher.
Rundfunk: Wie stark ist Iraks Militär im
vergleich zum 2. Golfkrieg 1991?
Scholl-Latour: Der Irak ist natürlich
inzwischen sehr viel schwächer . Die Armee hält viel weniger Menschen, aber
die Republikanergarde ist so ungefähr auf dem gleichen Stand. Aber sie haben
auch Milizen aufgestellt, aber an Waffen, das ist natürlich altes Material,
und an Raketen, die genügend weit reichen würden, z.B. um bis Israel zu
reichen, da ist nach allgemeinem Erkenntnis höchstens noch 20 vorhanden, und
die sind wahrscheinlich auch in schlechtem Zustand. Da ist an Waffen nicht
so viel vorhanden. Das ist aber allgemein bekannt.
Rundfunk: Wie erklären Sie den Optimismus der
US-Amerikaner diesbezüglich?
Scholl-Latour: Das ist vor allem so, die Frage
ist ja nicht damit geregelt, dass man das Regime Saddam-Husseins zu Fall
bringt und ihn ebenfalls verschwinden lässt. Das ist ja nicht das einzige
Problem, man muss ja hinterher eine Lösung für den Irak finden, und da sehe
ich überhaupt keine Möglichkeiten. Die kurdische Frage im Norden ist in
keiner Weise gelöst. In der Türkei muss man genau aufpassen. Die
Oppositionskräfte, die in London sind, sind in keiner Weise repräsentativ.
Ahmed Chalabi, der an der Spitze steht, ist kein seriöser Partner. Die
Generäle, die sie dann im Exil gefunden haben, sind ja oft Leute, die sich
mit Saddam-Hussein sehr kompromittiert haben. Also auch nicht sehr
empfehlenswert sind. Ich weiß gar nicht, ob man das in Washington erkannt
hat – es geht ja darum, wie sich die überwiegende Bevölkerung des Iraks
verhält, und zwar sind das die Schiiten, die 60 bis 65 Prozent der
Bevölkerung ausmachen und auch etwa 50 Prozent der Bevölkerung von Bagdad.
Das ist die große Unbekannte, und diese Schiiten hatten sich 1991 ja schon
mal erhoben. Und sind dann von den Amerikanern völlig im Stich gelassen
worden. Saddam-Hussein hat den Aufstand der Schiiten damals ja sehr blutig
niedergeworfen.
Rundfunk: Aber immerhin haben die Exil-Iraker
in London eine Grundlage für die Zeit nach Saddam geschaffen. Wie wichtig
ist ihrer Meinung nach diese Einigung?
Scholl-Latour: Ja, das ist meiner Meinung nach
eine illusorische Angelegenheit, noch mehr als Afghanistan. Für Afghanistan
ist ja auch auf dem Petersberg künstlich eine Regierung geschaffen worden
mit Leuten, die nicht repräsentativ sind, oder vielleicht repräsentativ für
den tajikischen Teil der Bevölkerung. Aber der Intrimäspräsident Karsai, der
dann später gewählt wurde, ist ja nicht repräsentativ für das Land. Aber
dort in Afghanistan haben die Amerikaner immerhin auf die so genannte
Nordallianz zurückgreifen können. Die steht im Irak nicht zur Verfügung, und
diese Leute da – Ich weiß nicht in 50 verschiedenen Gruppen in London – das
ist alles sehr unseriös.
Rundfunk: Aber sie wollen sich immerhin in ein
paar Monaten nochmals im kurdischen Teil Iraks treffen. Glauben Sie, dass
bis dahin sich noch mehr Leute dazu bereit erklären würden, an dieser
Konferenz teilzunehmen?
Scholl-Latour: Man kann immer Leute finden, man
kann immer Leute taufen, das ist ganz klar. Es gibt auch eine Opposition
gegen Saddam-Hussein, das ist ganz klar. Der Mann ist in der Bevölkerung ja
nicht ganz beliebt. Die Kurden sind gegen ihn, ich nehme an, dass die
meisten Schiiten gegen ihn sind, und sogar in der sunnitischen Bevölkerung.
Es gibt ja auch islamische Strömungen. Das sind Sunniten, die von
Saddam-Hussein unterdrückt worden sind. Aber ob das so, die Partner sind,
die Amerika sich wünscht, das weiß man nicht. Und bei den Kurden, da muss
man aufpassen, nachdem was man gelegentlich hört, sind bereits Einheiten der
türkischen Armee in den kurdischen Teil Iraks eingedrungen.
Rundfunk: Erlauben Sie mir nur noch eine letzte
Frage. Die USA wollen Ende Januar über einen Krieg gegen den Irak
entscheiden. Warum wurde dieser Zeitpunkt gewählt?
Scholl-Latour: Zunächst einmal, im Moment sind
ja noch Anstrengungen von der Uno im Gange, die meiner Ansicht nach negativ
ausgehen. Das ist meine persönliche Ansicht, weil die Amerikaner auch gar
keinen Kompromiss suchen wollen. Sie wollen Saddam-Hussein und sein Regime
beseitigen. Und bis Ende Januar wird die Truppenkonzentration der
amerikanischen und britischen Streitkräfte dann auch abgeschlossen sein. Das
sind alles Dinge, die in den Zeitungen stehen. Ich erzähle Ihnen da nicht
Neues. Also es wird wahrscheinlich erst einmal eine sehr gezielte
Bombardierung stattfinden und dann wird die Bodenoffensive stattfinden, von
der ich mir noch nicht vorstellen kann, wie sie sich vollzieht. Da gibt es
verschiedene Thesen. Aber sie können nicht zu lange warten, denn ab April
setzt die große Hitze ein, und das wird doch die Kampfhandlungen erschweren,
zumal ja wahrscheinlich noch die amerikanischen Truppen teilweise mit
Schutzanzügen in den Irak hinein gehen, aus der Befürchtung, dass eventuell
chemische Kampfstoffe gegen sie verwendet werden.
Rundfunk: Ich bedanke mich ganz herzlich für
dieses Gespräch.