Interview mit Dr. Irmgard Pinn

Ich weiß nicht, was alles noch passieren muss, bis anders wird.

15. November 2005


Dr. Irmgard Pinn

Rundfunk: Frau Pinn, die seit knapp drei Wochen andauernden Unruhen in den Pariser Vorstädten haben große Sachschäden angerichtet. Gibt es dafür eine Erklärung?

Pinn: Das ist noch nicht hinreichend analysiert, was genau abgelaufen ist, was wirklich der auslösende Faktor war, so dass ich ihre Frage nur mit Einschränkung beantworten kann. Aber soweit ich informiert bin, ist es schon so, dass der schon lange schwellende soziale und kulturelle Konflikt eskaliert ist. Denn der Funke, der darüber übersprang, ist durch die bestimmte, sehr diskriminiere Äußerung des französischen Innenministers, Nicolas Sarkoyz, wohl geschehen, indem er auf die ersten Anzeichen von Unruhen und Gewalt sehr heftig reagierte und sagte: Wir müssen diese Vorstädte, wo die meisten Immigranten leben, mit Hochdruck reinigen“, also mit Reinigungsgerät, womit man sonst sehr starken Schmutz von Straßen und Gebäuden entfernt. Er meinte damit, man müsse die Verursacher der Gewalt mit allen Mitteln bekämpfen, was von den Jugendlichen als sehr beleidigend aufgefasst wurde. Und davon haben sich weitere Gewalttätigkeiten und Unruhen entzündet.

Rundfunk: Sarkozy hatte noch gesagt, die Unruhen sind nun perfekt organisiert, und damit allen jenen widersprochen, die gesagt haben, die Probleme sind sozialer und kultureller Natur.

Pinn: Ich denke, der Mann ist sehr weit von der Realität entfernt. Ich habe etliche Berichte von Journalisten und Stellungsnahmen von bekannten Soziologen aus Frankreich gelesen, die alle übereinstimmend meinen, dass keine Organisation dahinter steckt, sondern, dass es eine Vernetzung gibt, vor allen Dingen über Handy. Aber man kann sicherlich nicht sagen, dass da eine Steuerung, oder eine Organisation dahinter steckt. Es gibt wohl einige Klein-Kriminelle, die versucht haben, sich anführend einzuklingeln. Aber ich denke, es ist Augenwischerei, wenn man das so erklärt, bis so etwas passiert.

Rundfunk: Der französische Staatspräsident, Jacques Chirac, und der Premierminister, Dominique de Villepin, haben einen Aktionsplan zur Beschäftigung von Jugendlichen angekündigt. Wird das noch hinhauen?
Pinn: Es könnte, wenn das ernst gemeint wäre. Aber, wie ich die französische Einwanderungspolitik bisher verfolgt habe, hat es manchmal Initiative in diese Richtung gegeben, im Ernstfall fehlt dann der politische Wille, geschweige denn, mit entsprechenden Finanzmitteln.

Rundfunk: Einige deutsche Politiker haben die Befürchtung geäußert, dass sich derartige Szene auch in Deutschland abspielen könnte. Wie ist die Situation der zugewanderten Jugendliche in Deutschland?

Pinn: Schwer vorauszusagen, wie sich das in Zukunft entwickeln wird. Aber zumindest die aktuelle Situation ist sehr viel anders. Die Herkunftskultur der in Deutschland lebenden Immigranten und Immigrantinnen ist anders als die in Frankreich. Die Jugendlichen, die jetzt in Frankreich randalieren, sind französischer Staatsbürger. Sie müssen nicht fürchten, ausgewiesen zu werden, was natürlich bei jungen Türken in Deutschland, die meisten keinen Pass haben, eine große Hemmschwelle ist. Also, sie müssen sich dreimal überlegen, ob sie ihrer Wut und Frust auf diese Art und Weise Ausdruck verleihen. Zum anderen scheint auch, das soziale System in Deutschland bis jetzt einigermaßen noch besser zu funktionieren. Ich glaube, wir haben hier in Deutschland noch mehr Möglichkeiten, bildungsmäßig oder Freizeitgestaltung als in diesen französischen Vorstädten. Man muss sich auch vorstellen, da leben tausende zusammengefegte Hochhaussiedlungen ohne soziale und kulturelle Infrastruktur. Die meisten sind auch weit weg von z. B. Innenstädten. Für sie ist Paris genauso weit entfernt wie für mich von Aachen aus. Also, ich komme auch nicht öfter nach Paris.

Rundfunk: Es scheint dies ein europäisches Problem zu sein. Wäre da vielleicht eine europäische konzentrierte Aktion hilfsreich?

Pinn: Das wäre sicherlich eine gute Lösung. Nur, wir sehen eigentlich de facto, dass sich die sozialen Verhältnisse verschlechtern. Vor 20, 30 Jahren waren noch die Arbeitsplätze für Leute, die kein Abitur hatten, relativ leicht zu bekommen. Zum einen hat sich unter den Migranten, und das trifft für Deutschland zu, das durchschnittliche Bildungsniveau eher verschlechtert, und die Sprachkenntnisse sind nicht besser geworden. Das ist allerdings in Frankreich ganz anders, denn dort sprechen fast alle Einwanderer perfekt französisch. Die Löcher im deutschen Sozialnetz werden immer größer, und das Geld für Sozialarbeit und kulturelle Aktivitäten oder Qualifikationsmaßnahmen zum Beispiel auf Abendschulen wird immer mehr zusammengestrichen. Ich weiß nicht, was noch alles passieren muss, bis es anders wird. Aber, ich sehe eigentlich jetzt für Deutschland gerade nicht Krawalle in nächster Zukunft bevor.


 

Das Interview führte Seyyed Hedayatollah Shahrokny.

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